„Raum“ in der Industrial Ecology

IE Netzwerk in der Humber Region (England)

IE Netzwerk in der Humber Region (England). Penn, A. S., Jensen, P. D., Woodward, A., Basson, L., Schiller, F., & Druckman, A. (2014). Sketching a Network Portrait of the Humber Region. Complexity

Es ist erstaunlich, dass der Raum bisher keine größere Beachtung in der Industrial Ecology gefunden hat. Sicher, er ist in einige wichtige Konzepte der IE eingegangen. Er spielt als co-location eine Rolle bei Industrieparks, er war wichtig für das Konzept der Industrial Symbiosis, also des Austauschs von Nebenprodukten zwischen Firmen, und er hat ebenso Eingang in das Anchor Tenant Model gefunden, bei dem kommunale Einrichtungen Kaskadennutzung etwa von Abwärme anführen. Zudem spielt Raum natürlich eine große Rolle bei der Erforschung von Lieferketten. Doch wo im Raum diese Aktivitäten stattfinden hat die Industrial Ecology bisher wenig interessiert. Das ist vielleicht insofern verständlich, als dass die Aktivitäten, die energie- und ressourceneffizienter gestaltet werden sollen, sich natürlich bereits immer schon irgendwo im Raum befinden; aber spätestens mit der Planung von neuen Anlagen wird die Frage offenkundig relevant. Auch die Ausdifferenzierung von Wirtschaftsräumen ist raumwirksam.
Es stellt sich dabei die Frage, was in Hinblick auf Raum berücksichtigt werden sollte. Wenn Raum in der IE berücksichtigt wurde, dann bisher als Transportvermeidung wie etwa in empirischen Studien zum Transport von Nebenprodukten. Allerdings wird der Transport selbst in der Geographie nur noch als notwendige Bedingung erachtet, die alleine nicht ausreicht, um ökonomische Aktivität im Raum zu erklären. Die Frage ist also, welche zusätzlichen Einflussfaktoren zu berücksichtigen sind, und hier spricht einiges dafür, dass die IE der Evolutionären Wirtschaftsgeographie folgen sollte. Diese ist neben Transport vor allem in das Zusammenspiel von ermöglichenden Faktoren der Wirtschaftsentwicklung interessiert, wobei empirisch regionale Innovationsprozesse im Vordergrund stehen. Die Evolutionäre Wirtschaftsgeographie betont dabei das Zusammenspiel von sozialen, kognitiven, organisatorischen und institutionellen Faktoren. Diese werden dezidiert quantitativ-netzwerkanalytisch in der theoretischen Annahme untersucht, dass die Faktoren kumulieren. Es spricht aber nichts dagegen, diesen Ansatz auch heuristisch für qualitative Analysen einzusetzen. Interessant ist, wo sich dieser Forschungsansatz in interdisziplinärer Hinsicht verorten lässt. So wird beispielsweise das enge Zusammenspiel von kognitiven und organisatorischen Faktoren auch in der Politikwissenschaft als Voraussetzung für gelingende Governance gesehen – doch werden dort vor allem formelle Institutionen betont, und zudem stecken natürlich internationale politische Entscheidungen den sozialen Raum sozusagen neu ab. Dagegen betont die Evolutionäre Wirtschaftsgeographie die Eigenständigkeit der sozialen Prozesse im Raum über Grenzen hinaus und schließt damit eher an die Neue Wirtschaftsgeographie Krugmans an. .
Bleibt die Frage, was die IE von der Evolutionären Wirtschaftsgeographie konkret lernen kann. Die einfache Antwort darauf lautet zum einen, dass Raum in der Praxisanwendung berücksichtigt werden sollte, was heute mittels GIS relativ leicht möglich ist, und dass die Forschung verstärkt die Interaktion von weichen Faktoren insbesondere im internationalen Kontext berücksichtigen sollte. Denn diese eröffnen die Chance, Ressourcen- und Energieeffizienztechnologie über soziale Netzwerke zu verbreiten.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.